Veranstaltungen

erinnern – handeln – widersetzen

Die Veranstaltungsreihe der Projektstelle Erinnerungs- und Lernort Alter Schlachthof des AStA der HSD geht im Wintersemester 2018/19 in die zweite Runde.

Im Februar 2016 konnte der Erinnerungsort Alter Schlachthof der Hochschule Düsseldorf eröffnet werden. Aber das Projekt ist noch lange nicht abgeschlossen. Ein weiterer Baustein ist ein vielfältiges Bildungsangebot. Um der Forderung des AStA nach einem lebendigen Ort der Erinnerung Nachdruck zu verleihen, startete im Wintersemester 2017/18 eine Veranstaltungsreihe mit dem Titel: „erinnern – handeln – widersetzen“. Diese soll durch Vorträge, Lesungen und Exkursionen eine aktive Auseinandersetzung mit dem NS am historischen Ort ermöglicht. Das Wissen über die historischen Ereignisse ist Voraussetzung für die Erinnerung. Dieses Wissen soll es ermöglichen, Bezüge zur Gegenwart herzustellen, um aktuellen Formen (extrem) rechter Gewalt und Diskriminierung entschlossen entgegentreten zu können. Rassismus und Antisemitismus bilden nach wie vor die Ursache für einige Formen von Diskriminierung und Ausgrenzung.

Ein Themenschwerpunkt der Reihe ist die Deportation vom Schlachthof als arbeitsteiliger Prozess und die Biografien der Verschleppten. Einen aktuellen Schwerpunkt im Wintersemester 2018/19 bildet die „Aktion Reinhardt“, die vor 75 Jahren begann. Vom März 1942 bis November 1943 ermordeten die deutschen Besatzer in Polen etwa zwei Millionen jüdische Menschen, die meisten durch Gas in den „Aktion Reinhardt“-Vernichtungslagern Belzec, Sobibor und Treblinka. Dabei gingen die Täter so „effizient“ vor, dass bis heute nur wenig über ihre Verbrechen und Opfer bekannt ist. Weniger als 150 der Verschleppten erlebten die Befreiung Nazideutschlands.

Wissenschaftler_innen, Autor_innen und Student_innen präsentieren ihre Forschungsergebnisse und Werke. Im Anschluss an die Vorträge ist eine Diskussion ausdrücklich erwünscht.

Kontakt

Dipl. Soz.-Päd Alexander Stockhaus
Projektstelle Erinnerungs- und Lernort „Alter Schlachthof“
AStA HSD, Münsterstr. 156, 40476 Düsseldorf
Tel.: 0211 / 4351-2904, E-Mail: erinnerungsort@asta-hsd.de
Ankündigungstexte unter: www.asta-hsd.de

Veranstaltungsort und Eintritt

Sofern nicht anders angegeben: Hochschule Düsseldorf, Gebäude 3, Erdgeschoss, Studierendencafé Freiraum, Münsterstraße 156, Düsseldorf. Eintritt frei.

Anfahrt
Mit öffentlichen Verkehrsmitteln:
Düsseldorf-Derendorf (S):
S-Bahnen S1, S6 oder S11, Straßenbahn 701,
Busse 733, 752, 756, 758, 807, 834, SB 55
Rather Str./HSD:
Straßenbahn 701, 704, Busse 807, 834
PKW: Zufahrt zur Tiefgarage über Toulouser Allee

Programm

Donnerstag, 18. Oktober 2018, 18.30 Uhr
„Aktion Erntefest“: Mit Musik in den Tod. Rekonstruktion eines Massenmords

Referent: Dr. Stefan Klemp (Dortmund)

Vor 75 Jahren erschossen Polizisten und SS-Angehörige im Distrikt Lublin über 40.000 Juden. Das Massaker wurde unter dem Decknamen „Aktion Erntefest“ durchgeführt und bildete den grausamen Abschluss der Ermordung der drei Millionen polnischen Juden durch das NS-Regime. Über 2.000 Angehörige von Polizei und Waffen-SS begannen am frühen Morgen des 3. November 1943 mit der Ermordung der Juden in den Lagern von Lublin-Majdanek und Trawniki. Am 4. November setzten sie die „Aktion Erntefest“ in Poniatowa fort. Um die Schüsse zu übertönen, wurde per Lautsprecheranlagen laute Musik gespielt, u.a. ein Lied von Heinz Rühmann und das Soldatenlied „Es geht alles vorüber“. Die Spuren des Massakers wurden anschließend verwischt, indem die Leichen verbrannt wurden.

Dr. Stefan Klemp ist Historiker und Journalist mit dem Spezialgebiet Ordnungspolizei und Nachkriegsjustiz. Er hat Neue Geschichte, Politikwissenschaft und Soziologie in Münster studiert und wurde mit der Arbeit „Richtige Nazis hat es hier nicht gegeben – Nationalsozialismus in einer Kleinstadt am Rande des Ruhrgebiets“ promoviert.

In Kooperation mit dem Erinnerungsort Alter Schlachthof und der Mahn- und Gedenkstätte der Landeshauptstadt Düsseldorf

 

Sonntag, 21. Oktober 2018, 09.30 bis 20.30 Uhr
Das „Polizeiliche Judendurchgangslager Westerbork“ in den deutsch besetzten Niederlanden – Ganztägige Exkursion zum Herinneringscentrum Kamp Westerbork

Ab 1939 wurden im Flüchtlingslager Westerbork jüdische Flüchtlinge aus ganz Europa untergebracht. Während der Besatzung durch Nazi-Deutschland wurde das Flüchtlingslager 1942 in ein Sammellager für den Abtransport der niederländischen Juden umgewandelt. Ab dem 15. Juli 1942 wurden von hier aus 107.000 Juden, Sinti und Roma in 93 Transporten in die Vernichtungslager im Osten deportiert. Nur 5.000 überlebten. In der Nachkriegszeit wurde der Ort zum Symbol für die Deportation der niederländischen Juden. In der Gedenkstätte Herinneringscentrum Kamp Westerbork wird die Geschichte des Flüchtlingslagers und späteren Durchgangslagers erzählt. Die wohl bekannteste in Westerbork internierte Person war Anne Frank.

Treffpunkt: Hochschule Düsseldorf, Haupteingang, Münsterstraße 156
Abfahrt: 09. 30 Uhr (pünktlich), Rückkehr: 20.30 Uhr
Anmeldung bis 17. Oktober 2018 unter der E-Mail-Adresse  erinnerungsort@asta-hsd.de
Maximal 20 Teilnehmer*innen, Studierende bevorzugt.
Teilnahmebeitrag: 10,- Euro für Busfahrt, Eintritt sowie Führung in deutscher Sprache.

In Kooperation mit dem Erinnerungsort Alter Schlachthof

 

Donnerstag 15. November 2018, 18.30 Uhr
Jakob Sporrenberg und das Massaker „Aktion Erntefest“ in Lublin 1943

Referentin: Kathrin Schulte (Münster)

„Zu schwach, um nein zu sagen“ urteilte der britische Captain A. Francis über den in Düsseldorf geborenen SS- und Polizeiführer in Lublin Jakob Sporrenberg. Dieser hatte die „Aktion Erntefest“ verantwortet, eine Massenerschießung, bei der am 03. November 1943 im KZ Majdanek und weiteren Orten im deutsch besetzten Distrikt Lublin etwa 42.000 Menschen zum Opfer fielen, die meisten von ihnen Juden. Sporrenberg, vor dem Massaker degradiert und im Konflikt mit Heinrich Himmler, wurde in der Historiographie bislang weitestgehend vernachlässigt.

Ihm unterstanden während der „Aktion Erntefest“ mehrere Mitarbeiter, die vor allem ein Merkmal mit ihm teilten: die Zugehörigkeit zur sogenannten Kriegsjugendgeneration. Allerdings erklärt eine solche Generationszugehörigkeit nicht allein, wie Männer zu NS-Täten wurden. Diesbezüglich bietet die Täterforschung mit neuen Theorien großes Potential, diese Gründe am Beispiel Sporrenberg zu ermitteln und hinterfragen.

Kathrin Schulte studierte an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU) und schloss mit dem Master of Arts Geschichte (Schwerpunkt Nationalsozialismus) ab. Auf das Thema ihrer Abschlussarbeit stieß sie während ihres Praktikums am Geschichtsort Villa ten Hompel in Münster.

 

Donnerstag, 13. Dezember 2018, 18.30 Uhr
Experten der Vernichtung
Das T4-Reinhardt-Netzwerk in den Lagern Belzec, Sobibor und Treblinka

Referentin: Dr. Sara Berger (Rom)

Erfahrungen mit der massenhaften Ermordung von Menschen hatten fast alle der etwa 120 Deutschen und Österreicher, die zwischen Ende 1941 und Ende 1943 im Rahmen der „Aktion Reinhardt“ in den drei Vernichtungslagern Belzec, Sobibor und Treblinka eingesetzt wurden. Ihre Kenntnisse hatten sie zuvor in den „Euthanasie“-Einrichtungen und der Berliner T4-Zentrale erworben, die sie nun nutzten, um die Lager und Gaskammern zu entwerfen. Sie fungierten u.a. als Aufseher und koordinierten die Wachmannschaften, erteilten die Mordbefehle, misshandelten und mordeten aber auch selbst. Mit der „Aktion Reinhardt“ wurden die Männer der T4 endgültig zu Experten der Vernichtung. Sara Berger stellt das enge Geflecht der Beziehungen dar und analysiert u.a. Handlungsspielräume, strukturelle Gegebenheiten, situative Dynamiken sowie Handlungsmotive der Täter und des Täterkollektivs.

Dr. Sara Berger, studierte Geschichte, italienische Literaturwissenschaft und Sozialpsychologie an der Ruhr-Universität Bochum und der Università degli Studi di Genova. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Fondazione Museo della Shoah in Rom sowie des Editionsprojekts „Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden“ (Teilbereich Italien).

 

Donnerstag, 17. Januar 2019, 18.30 Uhr
Geschichtspolitik als Kulturkampf – Der Gebrauch von „Geschichte“ im aktuellen Rechtspopulismus

Referent: Michael Sturm (Münster)

Auch in Deutschland scheinen rechtspopulistische Bewegungen zunehmend auf Zuspruch zu stoßen. Lautstark polemisieren sie gegen eine vermeintliche „Überfremdung“ oder „Islamisierung“ Deutschlands oder des „Abendlandes“. In diesen Argumentationsmustern spielt der Verweis auf Geschichte eine zentrale Rolle. Entweder, um eine angeblich bessere Vergangenheit zu verklären, oder um eine gemeinsame „exklusive“, kulturell und ethnisch homogene Identität zu beschwören. Immer wieder rückt aber auch die Erinnerung an die NS-Zeit in den Fokus extrem rechter Agitation. Der Vortrag widmet sich den geschichtspolitischen Mythen und Argumentationsmustern des aktuellen Rechtspopulismus. Zu fragen ist auch nach der strategischen Bedeutung, die dem Gebrauch von „Geschichte“ zukommt. Auf welche gesellschaftlichen Resonanzen stoßen die geschichtspolitischen Vorstöße des Rechtspopulismus und welche Herausforderungen ergeben sich daraus für eine demokratisch orientierte historisch-politische Bildung?

Michael Sturm ist Historiker und pädagogisch-wissenschaftlicher Mitarbeiter im Geschichtsort Villa ten Hompel, Münster